Von der Bring- und Holschuld.

Text: Akad. Jagdwirt Stefan Maurer 

Das Jagen an sich mag als Naturprinzip gelten, die menschliche Wildtierjagd geht in ihrer Komplexität allerdings weit darüber hinaus. Es reicht da bei weitem nicht (mehr), ein erfolgreicher Jäger zu sein, für den es ein Leichtes ist, Beute mit nach Hause zu bringen.

Heute zählt der Zusammenhang weit mehr, in dem die Jagd ausgeübt und das Wildtier erbeutet wird als das bloße Können, das natürlich ebenso eine Voraussetzung für eine zeitgemäße Jagdausübung ist.

Ein Beispiel: Die Gamsjagd gilt gemeinhin als herausfordernd mit lohnendem Ziel. Jagdmöglichkeiten sind rar, man ist im felsdurchsetzten Geände unterwegs, der finanzielle Einsatz ist mitunter erheblich. Gilt nun einer als guter Jäger, der sich die Jagd leisten kann, der den Berg bei Tiefschnee erklimmt, dem ein schussbarer schwarzer Erntegams mit prächtigem Bart zugewiesen wird und der diesen mit sauberem Schuss erlegt? Oder ist es ein anderer, der Tag für Tag den Schutzwald bewacht und dabei auf die Gelegenheit hofft, dass ihm Gamswild vor die Büchse läuft und der – vom Muttertierschutz abgesehen – keine Abschussrichtlinien braucht?

Je nach eigener, persönlicher Prägung und jagdlichem Umfeld wird es in dieser Frage den meisten leichtfallen, für den einen oder anderen Partei zu ergreifen. Argumentieren lässt sich beides – doch wer hat nun Recht? Beide? Keiner?

Hier kommt nun die jagdliche Wissensvermittlung ins Spiel. Um die gestellte Frage umfassend beantworten zu können, braucht es nämlich Hintergrundwissen, das zwar in rauen Mengen vorhanden und dennoch längst nicht bis zu jedem Hochsitz oder Stammtisch vorgedrungen ist. Ökologen wissen längst, was das Gamswild braucht, damit es ihm gut geht. Jagdpraktiker verfügen über die Erfahrung, wie jagddruckarmes Jagen geht.

Forstleute sind ferm im Umgang mit dem Wald, der ökologische, als auch (sozio-)ökonomische Aufgaben zu erfüllen hat. Die Jagdausstatter können eine breite Palette an Ausrüstung liefern, die alles einfacher machen soll. Fehlen darf auch nicht die Jagdwirtschaft, denn Geld ist auch von dieser Seite her im Spiel. Und schlussendlich braucht es Sozialkompetenz, um zu erkennen, ob es sich in einer Frage eher am Fachlichen oder am Zwischenmenschlichen spießt.

Den Institutionen und Interessengruppen, die das Wissen haben, ist zweifelsohne die Bringschuld aufzutragen, dieses nach bestem Wissen und Gewissen ungefiltert weiterzugeben.

Sich nur Filetstücke und damit Halbwahrheiten des Ganzen herauszupicken und im Rahmen der jeweiligen Klientelpolitik zu vermarkten, greift entschieden zu kurz. Auf der anderen Seite gibt es die Holschuld, die bei jenen zu verorten ist, die jagen wollen. Auch ihnen sei angeraten, sich umfassend zu informieren und die so erlangten Informationen im eigenen Handeln anzuwenden. Wer entsprechend recherchiert, wird beispielsweise herausfinden, dass die Gamsjagd im Sommer schöner sein kann als im Hochwinter und dass die Intensität des Jagderlebnisses in keinem proportionalen Verhältnis zur Hornläge steht. Oder dass es für den Gams keinen Schuss auf 360 Meter braucht. Oder dass es im Schutzwald zielführender sein kann, ein passendes Stück aus dem Rudel zu erlegen als jedes einzelne.

Es gibt jene, die glauben, alles zu wissen. Und es gibt die anderen, die wissen, das sie nicht alles wissen.

In Diskussionen und auf kurze Sicht mögen Erstere die Nase vorne haben. Nachhaltig ist dieses Halbwissen und ihre Scheinerfolge nicht.

Ing. Stefan Maurer – Akad. Jagdwirt II

Stefan Maurer hat den Universitätslehrgang zum Akademischen Jagdwirt 2011 abgeschlossen. In seiner Abschlussarbeit „Rotwild zwischen vielen Fronten. Hege- und Bejagungspraxis mit versuchtem Konfliktmanagement in der Wildgemeinschaft Zirbitz“ hat er sich intensiv mit praxisnahen Herausforderungen des Rotwildmanagements auseinandergesetzt. Er hat ursprünglich die Försterschule in Bruck absolviert. 1994 begann er als Redakteur beim jagdlichen Fachmagazin DER ANBLICK. Dort ist er nun seit über 30 Jahren tätig und bringt seine umfassende Erfahrung und Leidenschaft für die Jagd in die Berichterstattung ein. Nebenberuflich engagiert er sich zusätzlich im Bereich Land- und Forstwirtschaft.

Weitere Links und Informationen

🌐 DER ANBLICK