Haltung finden. Dialog führen. Jagd mit Zukunft gestalten.
Text: Akad. Jagdwirtin Simone Lechner (Jahrgang VII)
Jagdethik-Seminar in Brixen: ein besonderes Weiterbildugsangebot für die Jagdwirt-Alumni
Jagd ist mehr als Praxis, Technik und Tradition. Sie berührt Fragen der Verantwortung – gegenüber dem Wild, der Gesellschaft und uns selbst.
Das Ethik-Seminar vom 22. bis 24. August 2025 in der Philosophisch Theologischen Hochschule Brixen bot Alumni-Jagdwirt*innen einen Raum, um jenseits von Routine und Rechtfertigungen innezuhalten und die Grundlagen jagdlichen Handelns zu reflektieren.
Tag 1 – Grundlagen und jagdliche Realität
Univ.-Prof. Dr. Josef Quitterer (Universität Innsbruck) eröffnete das Seminar mit den Grundfragen: Was ist Ethik? Was ist Moral?
„Die Suche nach Verständigung und nicht nach Konfrontation zeichnet den Geist ethischer Diskurse aus.“
(Barbara Bleisch, Ethische Entscheidungsfindung)
Anschließend vertiefte Prof. Dr. Markus Moling (PTH Brixen) die Verbindung von Ethik und jagdlicher Realität. Er führte in zentrale Dilemmata ein: Wann ist ein Lebewesen moralisch berücksichtigungswürdig? Wie legitimiert sich Jagd in der heutigen Gesellschaft?
„Ethik im Verhältnis von Mensch und Natur heißt, nicht in Extremen zu verharren, sondern den gemäßigten Weg zwischen Anthropozentrismus und Physiozentrismus zu erkunden.“
(nach Angelika Krebs)
Darauf aufbauend beleuchtete vet. med. Natalia Quitterer die physiologischen Aspekte des Tötens. Sie erklärte Stressmarker und unterschied tierschutzgerechtes Töten von Tierquälerei. Ihre Ausführungen verbanden naturwissenschaftliche Fakten mit ethischen Fragen und eröffneten die Diskussion zwischen den Teilnehmenden.
Am Abend führte Dr. Alexander von Hohenbühel durch die Hofburg Brixen, wo die lange Kulturgeschichte der Jagd erlebbar wurde. Landesjägermeister Günther Rabensteiner und Benedikt Terzer (Geschäftsführer des Südtiroler Jagdverbandes) ergänzten die Perspektiven mit Einblicken ins soziale Jagdsystem Südtirols und aktuellen Herausforderungen.
Tag 2 – Ethik in der Praxis: Revier Klausen
Der Praxistag führte ins preisgekrönte Jagdrevier Klausen („Goldene Auerhenne“). Unter Leitung von Markus Kantioler (Amt für Natur), gemeinsam mit dem Südtiroler Jagdverband und dem Landesforstdienst (Amt für Forstverwaltung), vertreten durch Tobias Hasler und Moritz Raffl, wurden konkrete Maßnahmen vorgestellt:
• Lebensraumgestaltung für Raufußhühner
• Monitoring als Grundlage fundierter Abschusspläne
• Freiwilliger Verzicht zugunsten bedrohter Arten
• Strategische Prädatorenbejagung als Artenschutzmaßnahme
Hier wurde spürbar:
Ethik bleibt nicht abstrakt – sie wird konkret, wo Jäger*innen Verantwortung für Landschaft, Artenvielfalt und Vertrauen übernehmen.
Tag 3 – Reflexion und Vertiefung
Eine Messe in der Seminarkapelle eröffnete den Tag. Prof. Moling erinnerte in seiner Predigt daran:
Jagdethik ist nie abgeschlossen, sondern bleibt ein ständiges Bemühen um Haltung, Maß und Verantwortung.
Im Anschluss vertiefte vet. med. Natalia Quitterer die Unterscheidung zwischen Stress und Angst. Univ.-Prof. Klaus Hackländer (BOKU University) stellte Alternativen wie Vergrämung, Translokation oder Fruchtbarkeitskontrolle vor und diskutierte deren Chancen und Grenzen. In einer offenen Gesprächsrunde brachten die Alumni persönliche Erfahrungen ein – von Spannungen zwischen individueller Überzeugung und Revierpraxis bis hin zu Herausforderungen im gesellschaftlichen Dialog.
Mehrwert: Theorie – Praxis – Gemeinschaft
Das Seminar war mehr als Wissensvermittlung. Es eröffnete einen geschützten Raum für Unsicherheiten, persönliche Dilemmata und konkrete Erfahrungen. Alumni erlebten, dass Jagdethik alle betrifft – unabhängig von Revier, Alter oder Erfahrung.
Der besondere Wert lag in der Verbindung von:
• Theorie: Impulse aus Philosophie, Biologie und Tiermedizin
• Praxis: Erfahrungen im Revier Klausen
• Gemeinschaft: Austausch zwischen Alumni und Verantwortungsträgern
Ausblick: Eine Jagd mit Zukunft
Die Resonanz ermutigt: 2026 wird es eine Neuauflage geben. Denn das Seminar machte deutlich:
Jagdethik ist kein starres Regelwerk, sondern ein lebendiger Prozess. Sie fordert uns, Verantwortung immer wieder neu zu verhandeln – zwischen Wild und Mensch, Tradition und Zukunft, individueller Haltung und gemeinschaftlichem Handeln.
Als Alumni tragen wir eine besondere Rolle: Wir sind Brückenbauer zwischen Praxis, Wissenschaft und Gesellschaft. Wir gestalten mit, dass Jagd nicht nur ökologisch und handwerklich, sondern auch ethisch fundiert bleibt – für eine Jagd mit Zukunft.
Rückblick kompakt
Impressionen und Überblick von Akad. Jagdwirt Albrecht Linder (Jahrgang VII)




























































