Partizipation als gemeinsamer Auftrag für eine nachhaltige Jagd .
Text: Akad. Jagdwirt Mag. Luca Complojer, MSc.
Was bedeutet Partizipation?
Der Begriff „Partizipation” bezeichnet grundsätzlich die Mitwirkung und Mitbestimmung bei Entscheidungsprozessen. Partizipation setzt jedoch Führung voraus, sie muss gewollt und methodisch gestaltet werden.

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Partizipation und Verantwortung in Systemen
Partizipation ermöglicht den Teilnehmern und Mitwirkenden, Verantwortung für das System, in das sie eingebettet sind, zu übernehmen. Im jagdlichen Kontext können Beispiele für solche Systeme die Jägerschaft selbst, Jagdgesellschaften, Jagdreviere, Jagdverbände oder Fachgruppen wie die Alumni-Community sein. Grundlage für die konsensuale und gemeinsame Weiterentwicklung dieser Systeme ist jedoch ein klar definierter, anzustrebender Zielzustand, ein sogenanntes Referenzsystem.
Referenzsystem: Zielzustand als Bezugsrahmen
Ein Referenzsystem ist ein Soll-Zustand, der wie ein Bezugsrahmen Orientierung für jegliche Vorhaben und Ideen gibt. Genauso wie es für das System „Menschheit“ mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 ein Referenzsystem in Form eines von allen Völkern und Nationen zu erreichenden gemeinsamen Ideals gibt, braucht es auch für die Nutzung der Natur und somit für die Akzeptanz der Jagd ein von der Gesellschaft anerkanntes und allgemein akzeptiertes Referenzsystem.
Fragen an die Gesellschaft
Wie sollen und wollen wir die Natur gestalten? Unter welchen Umständen können wir in die Natur eingreifen? Welche übergeordneten Zielsetzungen haben wir in Bezug auf die Natur? Wie können wir Natur erhalten oder Biodiversität fördern? Dies sind nur einige der Fragen im Zusammenhang mit der Jagd, die durch einen gesellschaftlichen Konsens lösungsorientiert beantwortet werden müssen.
Bereits die Einigung auf ein Referenzsystem setzt Partizipation voraus.
Partizipation im Lichte des Referenzsystems
2006 sind von M. Forstner, F. Reimoser, W. Lexer, F. Heckl und J. Hackl Prinzipien, Kriterien und Indikatoren für eine Nachhaltige Jagd ausgearbeitet worden.
Sofern sich die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd als Referenzsystem an den ausgearbeiteten Richtlinien zur nachhaltigen Jagd orientiert, bietet sich für Jagende und Nicht-Jagende somit jedes Mal die Möglichkeit zur Partizipation, wenn sie bewusst Beiträge in Richtung dieses Referenzsystems leisten.
Praxisbeispiel: Hegegemeinschaft „Ladinia“
In meiner Funktion als Vertreter der ladinischen Sprachminderheit im Landesjagdausschuss Südtirols ist es mir ein besonderes Anliegen, mich für die Interessen der Wildtiere und ihrer Lebensräume einzusetzen.
Aktuell arbeite ich gemeinsam mit den Revierleitern des Gadertals und des Grödnertals an einer neuen, bezirksübergreifenden Hegegemeinschaft namens „Ladinia“. Diese stellt bewusst die Wildlebensräume und die Bedürfnisse der Wildtiere in den Mittelpunkt. Grundlage für die genehmigten Abschusspläne soll in Zukunft ein professionelles und sachgemäßes Monitoring sein, das

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partizipativ von den unterschiedlichen lokalen Stakeholdern, die die Jagd betreffen, ausgearbeitet und getragen wird.
Partizipation als Schlüssel zu einer nachhaltigen Jagd
Für jeden von uns bietet sich regelmäßig die Möglichkeit, sich in seiner jeweiligen Funktion (als Mensch, jagende Person, Jagdwirt:in, Mitglied eines Jagdverbandes oder Jagdrevieres, Studierende:r, Alumni etc.) sich für eine nachhaltige Jagd einzubringen und das eigene Bewusstsein dafür zu schärfen.
Partizipation ermöglicht es den Teilnehmenden somit, von sich aus oder durch geführte Partizipationsprozesse zielorientiert am gemeinsamen übergeordneten Ziel mitzuarbeiten.
Konkrete Manifestationen als Partizipation im Jagdwesen
Partizipation hinsichtlich einer nachhaltigen Jagd kann sich im Jagdwesen beispielsweise nun wie folgt manifestieren:
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wenn sich Jagdverwaltungseinheiten oder Jagdgesellschaften zu den übergeordneten Zielen der nachhaltigen Jagd bekennen und sich auf diese einigen können;
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wenn politische Entscheidungsträger Richtlinien und Regelwerke definieren, die den genannten Kriterien entsprechen und das Jagdwesen betreffen;
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wenn sich Jagende mit gemeinsamem Hintergrund (Ausbildung, Herkunft etc.) – wie z. B. die Jagdwirte-Community – zielführend organisieren, um Beiträge für die Etablierung einer nachhaltigen Jagd in der Gesellschaft zu leisten;
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wenn entsprechend große Wildlebensräume als Grundlage für deren Bewirtschaftung über die eigenen Reviergrenzen hinaus anerkannt und etabliert werden;
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wenn für Jagende Räume für gemeinsames Lernen und Wachsen sowie entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden;
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wenn Jagende aus der eigenen Funktionsklarheit heraus bereit sind, Verantwortung für die eigene Funktion zu übernehmen und versuchen, dieser Verantwortung immer weiter gerecht zu werden;
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wenn Jagende in der Lage sind, den Wildtieren bei Entscheidungen eine Stimme zu verleihen;
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etc.
Schlussgedanke

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Mit Blick auf eine nachhaltige Jagd sind wir alle eingeladen, mitzudenken, mitzuwirken und zu partizipieren – jeder nach seinen Möglichkeiten, im Kleinen wie im Großen.
Schließlich trägt jeder von uns maßgeblich dazu bei, das eigene Bild sowie das der Jägerschaft in der Öffentlichkeit zu beeinflussen und die Gesellschaft in Richtung des angestrebten Zielzustandes mitzugestalten.
Literaturverzeichnis:
M. Forstner, F. Reimoser, W. Lexer, F. Heckl und J. Hackl (2006). Nachhaltigkeit der Jagd – Prinzipien, Kriterien und Indikatoren
Poostchi, K. (2013). Open System Model – Der Sinn für das Ganze. Osys Publishing, Jenbach.
Stange, W. (2008). Die Moderationsmethode als Mittel zur Gestaltung von Präventions- und Kooperationsprojekten: Partizipation und Visualisierung. In: Henschel, A., Krüger, R., Schmitt, C., Stange, W. (Hrsg). Jugendhilfe und Schule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien GmbH, Wiesbaden: 636-647.
Südtiroler Jugendring (2018). Ein Qualitätsentwicklungsprozess am Beispiel des SJR verdeutlicht. SJR Rundschreiben 02/2018: 12.
Mag. Luca Complojer – Akad. Jagdwirt XII
Mag. Luca Complojer, MSc absolvierte eine wirtschaftliche Ausbildung mit den Schwerpunkten Marketing, Leadership und Management. Er hat eine Ausbildung absolviert zum Moderator für Partizipationsprozesse. Als Akad. Jagdwirt (Jahrgang XII) verfasste er seine Abschlussarbeit mit dem Titel „JAGD-HAND-WERK Südtirol – Systemisches Leitbild der Jagdwirtegruppe Südtirol als Beitrag für die nachhaltige Entwicklung und Sicherstellung der Jagd in Südtirol“. In seiner Arbeit stellt er die Jagd als wesentlichen Bestandteil einer nachhaltigen Regionalentwicklung dar und verbindet praxisorientierte Perspektiven mit strategischen Ansätzen für die Zukunft der Jagd in Südtirol. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist er Gamspirschführer und engagiert sich seit 2022 als Mitglied im Südtiroler Landesjagdausschuss.




Foto: Ove Arscholl / Deutsche Wildtierstiftung