Jagd und Technik: Es liegt an uns .
Text: Akad. Jagdwirt Josef Wieser, M.Sc.
Einordnung: Technikboom und Kritik
Jeder von uns kennt es, kaum eine Jagdzeitschrift in der nicht das Neueste aus der Welt der Technik für die Jagd vorgestellt, bewertet oder beworben wird. Auch auf den Jagdmessen scheint es zumindest subjektiv so, als erfreuten sich die Ausstellungsstände für Nachtsichttechnik und Wärmebildtechnik der größten Beliebtheit unter uns Jägern. Betrachtet man sich die rasante Entwicklung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit bis uns die „KI“ Entscheidungen in der Jagd abnehmen wird. Gleichzeitig gibt es zunehmend kritische Stimmen die befürchten, dass durch den starken Einzug der modernen Technik in die Jagd, das jagdliche Handwerk verkümmert und die Waidgerechtigkeit als ethische Leitlinie verloren geht.
„Zwischen Mensch und Tier gibt es eine feste Grenze, wo die Jagd aufhört, Jagd zu sein, und zwar dort, wo der Mensch seiner ungeheuren technischen Überlegenheit über das Tier freien Lauf lässt“ – Ortega y Gasset
Historischer Kontext und aktuelle Fragen
Seit jeher spielt die Technik in der Jagd eine große Rolle. Technische Neuerungen zielten in Zeiten der Subsistenzjagd (Jagd zur unmittelbaren Deckung des Nahrungs- und/oder Rohstoffbedarfs) vor allem darauf ab, scheues Wild leichter zu erlegen und das Wild möglichst rasch zu töten.
Heute geht es vielfach darum, dass technische Neuerungen den Jägern dabei helfen sollen, die Abschusspläne leichter zu erfüllen, die Jagd effizienter zu machen und das Fehlen von Zeit und jagdlichem Können möglichst zu kompensieren.

Foto: Josef Wieser
Mit dem Aufkommen moderner Feuerwaffen, dem Zielfernrohr und dem Hegegedanken wurden erste Stimmen aus der Jagd laut, ob es überhaupt noch waidgerecht ist, wenn durch unsere technischen Neuerungen die Entkommens-Chancen des Wildes massiv geschmälert werden. So gibt es Berichte aus den 1930er Jahren in denen gesagt wird, dass das Totschießen eines Stückes vom Hochsitz mit Zielfernrohr ein Kinderspiel ist und nichts mehr mit Jagd zu tun hat. Man kann nun argumentieren, dass durch das Schießen mit Zielfernrohr die Präzision höher ist als beim Schießen über Kimme und Korn und damit die Wahrscheinlichkeit von Fehlschüssen und damit Tierleid verringert wird.
Wird das Zielfernrohr nun dafür genutzt plötzlich deutlich weiter zu schießen, erhöht sich wiederum die Fehleranfälligkeit.
Wir sind nun an einem zentralen Punkt der Diskussion angelangt, die Technik ist immer nur so gut wie derjenige der sie verwendet.
Betrachtet man sich nun eine der neueren technischen Errungenschaft, die Wärmebildtechnik, so kann man die Argumentation im Prinzip genauso führen wie vor 100 Jahren mit dem Aufkommen der Zielfernrohre. Wenn Wärmebildtechnik sinnvoll eingesetzt wird, z.B. zum störungsarmen Beobachten von Wild oder um die Fehlschüsse bei Nacht auf Schwarzwild zu reduzieren, so spricht eigentlich nichts gegen den Einsatz dieser Technik. Führt man den Gedanken aber weiter wird klar, dass sich durch diese Technik Möglichkeiten eröffnen dem Wild 24 Stunden nachzustellen.
Der „Rückzugsraum Dunkelheit“ geht verloren und Wildtiere werden darauf regieren.
Dies kann so weit führen, dass der Wildeinfluss auf Forst- und Landwirtschaftliche Kulturen steigt. Zudem bewirkt Wärmebildtechnik, dass die Wirksamkeit der Feindvermeidungsstrategie „Tarnung“ deutlich herabgesenkt wird. Umso wichtiger sind normative Grundlagen, die den Einsatz neuer technischer Mittel regeln.
Beispiel Südtirol

Foto: Josef Wieser
In Südtirol ist die Jagd laut Landesgesetz nur tagsüber erlaubt; der jagdliche Einsatz von Vorrichtungen für das Schießen bei Nacht ist grundsätzlich verboten. Die Hauptwildarten, die in Südtirol bejagt werden, sind Reh- Rot- und Gamswild. Schwarzwild ist in Südtirol so gut wie nicht vorhanden, jährlich werden um die zehn Stücke erlegt bzw. verenden bei Straßenunfällen. Man kann also davon ausgehen, dass die Nachtjagd in Südtirol bei weitem keine so große Relevanz hat wie z.B. in den schwarzwildstarken Gebieten verschiedener Nachbarländer.
Die technischen Anforderungen an die Jagd in Südtirol, also an die Jagd im Gebirge, sind andere. Wild muss oftmals auf größere Distanzen (Talseiten) beobachtet werden, die Schussdistanzen liegen oftmals höher als in „Flachlandrevieren“. Die Erreichbarkeit ehemals entlegener Gebiete hat sich durch den Ausbau des Forststraßennetzes deutlich verändert, wodurch Geländefahrzeuge eine wichtige Rolle spielen. Damit einher geht auch die oftmals schwierige Bergung von erlegtem Wild, Seilwinden finden immer mehr Einsatz und Bergungen mittels Hubschrauber sind ebenfalls ein Thema. Wildkameras geben uns neue Einblicke in die Wildaktivität im Revier. Funkhalsbänder für den Hund helfen bei der Nachsuche und Drohnen mit Wärmebildkameras sind eine wahrer Gamechanger in der Kitzrettung.
Alle diese neuen technischen Möglichkeiten bewirken ganz klar eines: Sie erhöhen die Verantwortung des Jägers gegenüber dem Wild, denn jede Technik ist nur so gut wie der Jäger der sie einsetzt.
Der missbräuchliche Einsatz technischer Neuerungen (verbotene Weitschüsse, nächtliche Revierrundfahrten, Wärmebildgeräte auf Spielhahnjagd usw.) schadet dem Wild und damit der Jagd.
Verantwortung und Selbstbeschränkung
Technische Neuerungen lassen sich nicht aufhalten, sie sind im Prinzip seit jeher Teil der Jagd, es geht darum wie wir Jäger mit diesen Neuerungen umgehen. Es ist wichtig dahingehend Strategien zu entwickeln – Stichwort Selbstbeschränkung. Unser Ziel muss es sein, die Jagd nach wildbiologischen und ethischen Kriterien auszurichten und auszuüben.
Die Jagd ist weder Schädlingsbekämpfung noch Erholung oder gar Sport, sie ist viel mehr.
Es liegt an uns was wir aus der Jagd machen.
Josef Wieser, M.Sc. – Akad. Jagdwirt XV
Josef Wieser ist Akademischer Jagdwirt und Master of Science in Zoologie aus Südtirol. Als Jäger im Jagdrevier Jaufental und Wildbiologe des Südtiroler Jagdverbandes hat er das Privileg, seine Passion für die Jagd auch beruflich zu leben. Zudem ist er Referent an der Forstschule Latemar. In seiner Tätigkeit als Wildbiologe bemüht er sich stets, eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und jagdlicher Praxis zu schlagen.
Josef hat den Studienlehrgang JAGDWIRT/IN mit Auszeichnung bestanden. Seine Abschlussarbeit untersucht die historische Entwicklung und Verbreitung der Gamsräude in Südtirol, analysiert jagdliche Maßnahmen und deren Grenzen (insbesondere die mangelnde Nachhaltigkeit von Reduktionsabschüssen) und hebt Immunisierung sowie natürliche Selektion als Schlüsselfaktoren für ein nachhaltiges Wildtiermanagement hervor.





