Pioniergeist trifft Praxis – ein Gespräch mit Martin Sturzeis ÜBER DIE ENTSTEHUNG, ZIELE UND ZUKUNFT DES UNIVERSITÄTSLEHRGANGS JAGDWIRT/IN.
Lieber Martin, Du warst von Anfang an Teil der Entstehungsgeschichte des Jagdwirt-Lehrgangs. Was war der ursprüngliche Impuls – und wie entwickelte sich daraus ein Universitätslehrgang?
Der Ursprung des Lehrgangs Jagdwirt:in liegt in der zunehmenden Notwendigkeit, die praktische Jagdausübung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen enger zu verknüpfen.
Jäger*innen waren zunehmend mit Fragestellungen konfrontiert, die über das eigene Revier hinausgingen – etwa Fragen zur soziokulturellen Akzeptanz der Jagd, zu klimatischen Veränderungen oder zur steigenden Belastung von Wildtieren durch menschliche Nutzung des Lebensraums.
Es stellte sich die Frage: Wie können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst rasch und praxisnah vermittelt werden? Nach einigen Gesprächen entstand die Idee eines Universitätslehrgangs für Jäger*innen. Gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Klaus Hackländer, dem Leiter des Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft, haben wir das Konzept entwickelt und umgesetzt.
Gab es zu Beginn besondere Herausforderungen? Wie seid ihr damit umgegangen?
Die Herausforderungen waren vielfältig. Ich war etwa für die Finanzierung zuständig, während Klaus Hackländer und sein Team die Erfüllung der universitären Voraussetzungen sicherstellten. Ein Universitätslehrgang muss formalen und inhaltlichen Ansprüchen gerecht werden – das ist leichter gesagt als getan. Es braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch eine genaue Koordination: Wer unterrichtet wann was? Nach etwas mehr als einem Jahr war es soweit – der Lehrgang stand. Der erste Jahrgang, den meine Frau und ich selbst besuchten, bestand aus vielen bekannten Gesichtern, aber auch aus mutigen Teilnehmer*innen, die aus reinem Interesse teilnahmen. Schon damals hatten wir eine starke Beteiligung aus dem deutschsprachigen Ausland.
Welche Rolle spielte das Rektorat der BOKU University bei der Umsetzung?
Das Rektorat stand von Anfang an hinter dem Projekt – insbesondere Rektor Univ.-Prof. DI Dr. Martin Gerzabek hat uns maßgeblich unterstützt.
Heute, fast 20 Jahre später, ist der Lehrgang unter dem Motto „Lebenslanges Lernen“ ein Aushängeschild der BOKU University.
Damals jedoch war Überzeugungskraft gefragt.
Was hat dich persönlich motiviert, dich für diese Weiterbildung so stark zu engagieren?
Wie bereits erwähnt: Die Anforderungen an die Jagd wurden komplexer. Es war mir ein Anliegen, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst direkt von den Forschenden an die Praxis weiterzugeben.
Publikationen brauchen oft Jahre – als Jagdwirt/in ist man dank des Lehrgangs und der Alumni-Fachgruppe ganz nah am Puls der Wissenschaft.
Der Lehrgang bietet eine akademisch fundierte Weiterbildung für alle jagdlichen Bereiche, ob beruflich oder privat, ob aus Österreich, Deutschland oder anderswo.
Was unterscheidet aus deiner Sicht akademische Jagdwirt*innen von rein praktisch Ausgebildeten?
Die praktische Jagdausbildung ist essenziell. Sie bildet die Basis des jagdlichen Handwerks. Auch die Verbände bieten hochwertige Fortbildungen an. Der Lehrgang Jagdwirt:in jedoch ermöglicht eine tiefere Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragestellungen. Man lernt, Studien kritisch zu hinterfragen und Themen wie Nachhaltigkeit, Wildbiologie, Ökologie und Ethik in einem größeren Zusammenhang zu betrachten.
Welche Bedeutung hat die Vernetzung unter den Absolvent*innen – gerade mit Blick auf gesellschaftliche Verantwortung?
Die Vielfalt im Lehrgang ist beeindruckend: Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Zugängen zur Jagd, bringen ein enormes Wissen mit. Dieses Potenzial sollte auch jahrgangsübergreifend genutzt werden. Eine gesellschaftliche Verantwortung im engeren Sinn sehe ich nicht bei der Alumni-Fachgruppe – diese ist keine politische Organisation. Verantwortung liegt bei jeder Person selbst.
Viele Absolvent*innen sind heute in jagdpolitischen Funktionen aktiv; nicht, weil sie Jagdwirt*innen sind, sondern weil sie sich engagieren.
Ihre Ausbildung hilft ihnen dabei zweifellos.
Welche Rolle spielt die Alumni-Fachgruppe deiner Meinung nach?
Sie sollte eine Plattform für Austausch, Wissenstransfer und gemeinsame Projekte sein. Wichtig sind dabei auch Präsenz und Sichtbarkeit, etwa auf Jagdmessen wie Dortmund oder Salzburg. Der Lehrgang vermittelt Wissen, die Alumni-Fachgruppe hält es lebendig und vernetzt.
Was wünschst du der Alumni-Fachgruppe – fachlich, menschlich und für die Zukunft der Jagd?
Ich wünsche der Alumni-Fachgruppe gedeihliches Wachstum, eine gute Vernetzung, ein bisschen mehr Zusammenhalt und das Weitertragen des Feuers für die Ausbildung und Wissenschaft im Bereich der Jagd. Francis Bacon schrieb in seinen „Meditationes Sacrae“: Nam et ipsa scientia potestas est – was so viel bedeutet wie „Wissen ist Macht“.
Wer sich informiert und Bescheid weiß, muss nicht mehr alles glauben, sondern kann durch dieses Wissen gestärkt und selbstbewusst seinen Aufgaben nachgehen.
Wenn du zurückblickst: Was erfüllt dich mit besonderem Stolz?
Dass das Interesse nach wie vor groß ist, dass wir großartige Teilnehmer*innen haben – so viele, dass wir gar nicht alle aufnehmen können. Dass exzellente Abschlussarbeiten entstehen und sich der Lehrgang stetig weiterentwickelt. Das ist ein Geschenk, das ich sehr schätze. Ich hoffe, viele weitere Jahrgänge werden folgen und ihr Wissen im Sinne des Wildes und der Jagd einbringen.
Was möchtest du jungen Jagdwirt*innen mit auf den Weg geben?
Tragt das Feuer für die Jagd und das Wissen weiter!




Foto: DJV