Verantwortung übernehmen – ein Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Klaus Hackländer über Haltung, Wandel und die Rolle der Jagdwirt-Alumni.
Lieber Klaus, wie nimmst du die Entwicklung der Alumni-Gemeinschaft der Jagdwirt*innen in den letzten Jahren wahr – welche Rolle können sie deiner Meinung nach in Praxis, Gesellschaft und öffentlicher Kommunikation einnehmen?
Unser Ziel war immer, dass Akademische Jagdwirt*innen Multiplikator*innen sind und ihr an der BOKU University erworbenes Wissen weitergeben. Es ist daher schön zu sehen, wie engagiert die Absolvent*innen unseres jagdlichen Weiterbildungsangebots in ihrem privaten und beruflichen Umfeld dieser Aufgabe nachkommen. Akademische Jagdwirt*innen sind präsent, erheben ihre Stimme und bringen sich ein, wenn es darum geht, die Jagd als nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen zu vertreten.
Inwiefern siehst du in der Vernetzung unter den Absolvent*innen Potenzial für einen über die Jagd hinausgehenden interdisziplinären Austausch – z. B. mit Forstwirtschaft, Wissenschaft, Landwirtschaft, Naturschutz oder Medien?
Schon die Vielfalt innerhalb eines Jahrgangs ist enorm und bereichert den Lehrgang. Wir haben nicht nur Teilnehmer*innen aus allen möglichen beruflichen Bereichen, sondern eben auch aus allen deutschsprachigen Ländern.
Diese Vielfalt inspiriert únd erweitert den Horizont – auch für uns Lehrende.
Wenn jetzt diese Vielfalt noch potenziert wird, indem sich Absovent*innen in der Alumni-Fachgruppe weiter vernetzen und so jahrgangsübergreifend das Prinzip Lebenslanges Lernen umsetzen, ist das enorm bereichernd.
Welche Kompetenzen braucht es deiner Ansicht nach, um als Jagdwirt*in in gesellschaftlichen Debatten wirksam und verantwortungsvoll mitzuwirken – gerade in polarisierenden Zeiten?
Zunächst Demut und das Wissen, dass niemand alles wissen kann. Während der zweijährigen Ausbildung wird jedem akademischen Jagdwirten und jeder akademischen Jagdwirtin klar, dass wir weit davon entfernt sind, unsere Ökosysteme umfassend zu durchschauen oder die Biologie der Wildarten im Detail zu kennen. Aber was wir wissen, ist ausreichend, um verantwortungsvoll im Sinne einer nachhaltigen Jagd zu handeln – sei es, um Wildarten zu schützen, Konflikte mit Wildarten zu lösen oder Wild als Ressource nachhaltig zu nutzen. Akademische Jagdwirt*innen haben gelernt, dass Kommunikation auf Augenhöhe, Sachlichkeit und Geduld wichtige Tugenden sind, die für den Erfolg im Management unserer Wildarten essentiell sind.
Wie wichtig ist dabei eine Haltung – also Wertebewusstsein, Reflexionsfähigkeit und Dialogkompetenz – und wie kann diese über die Ausbildung hinaus weiter entwickelt werden?
Die genannten Kompetenzen sind quasi Zulassungsvoraussetzung. In den Informationsgesprächen, die wir mit den Bewerber*innen führen, werden diese Eigenschaften abgeklopft, denn für eine zukunftsfähige Jagd brauchen wir keine Besserwisser*innen oder Dogmatiker*innen.
Für die Jagd der kommenden Zeit braucht es verstärkt Umsicht, Rücksicht und Respekt vor Andersdenkenden.
Mit den Megatrends wie gesellschaftlicher Wandel, Migration oder Digitalisierung ist permanente Weiterbildung wichtig, und das kann auch im Austausch innerhalb der Alumni-Fachgruppe geschehen, z.B. bei den jährlichen Treffen.
Die Fachgruppe der Alumni ist als Plattform für Austausch, Sichtbarkeit und kollektive Wirkung gedacht. Was wünschst du dir persönlich für deren zukünftige Entwicklung?
Je größer die Gruppe wird, umso größer ist das Potenzial für ein immer weiter wachsendes, jahrgangsübergreifendes Netzwerk. Damit dieses Potenzial auch genutzt werden kann, braucht es einerseits eine verbindende Klammer zwischen den Jahrgängen und andererseits interessante Veranstaltungen, auf denen sich Jagdwirt*innen treffen und austauschen können.
Die Alumni engagieren sich zunehmend öffentlich, etwa in der Kommunikation zu Biodiversität, Wildtiermanagement oder Jagdethik. Was sind für dich die zentralen Chancen (und auch Grenzen) dieses Engagements?
Jagdwirt*innen sind Jäger*innen mit besonders starkem Interesse an der Jagd und deren Zukunft. Daher ist es logisch, dass viele den Auftrag, Multiplikator*innen zu sein, auch umsetzen, sei es in Jagdschulen, auf Vorträgen, in beratender Funktion, als Verantwortliche in der Jagd oder in den Sozialen Medien.
Dabei ist natürlich wichtig, dass man beherzt sein Wissen weitergibt ohne missionarisch oder überheblich zu sein.
Aber in dieser Hinsicht wurden akademische Jagdwirt*innen während ihrer zweijährigen Ausbildung auch sensibilisiert.
Wie gelingt es aus deiner Sicht, dass ausgebildete Jagdwirt*innen nicht nur fachlich stark, sondern auch gesellschaftlich wirksam werden – zum Beispiel durch Projekte, Kommunikation oder Politikberatung?
Diejenigen, die Beratung brauchen oder diese suchen, sollten wissen, wer ihnen auch in der Region helfen kann, Ziele zu erreichen. Jene Jagdwirt*innen, die dazu bereit sind, sollten für Jagdverbände, Behörden oder Politik zu finden sein. Für einen solchen Außenauftritt ist eine Website von großem Wert. Hier könnte man Jagdwirt*innen vorstellen und mit ihrer Expertise werben. Und natürlich sollte man auch darüber berichten, wie Jagdwirt*innen als Multiplikatoren fungieren. Dabei ist darauf zu achten, dass die ganze Breite der jagdwirtlichen Kompetenz kommuniziert wird, von Vorträgen auf Bezirksjägertagen, Unterricht in Waldschulen, Projekten mit Naturschutzverbänden und vielem weiteren mehr.
In einer polarisierten Gesellschaft braucht es Stimmen, die differenziert kommunizieren und zwischen den Welten vermitteln können. Was können Jagdwirt*innen aus deiner Sicht dazu beitragen, Brücken zwischen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zu bauen und wo siehst du hier das größte ungenutzte Potenzial?
Es geht tatsächlich um die differenzierte Betrachtung und Kommunikation. Mit dem Wissen, das Jagdwirt*innen haben, werden Sachverhalte ganzheitlicher betrachtet, aber für die Öffentlichkeit müssen sie verständlich kommuniziert werden.
In einer z.T. wissenschaftsfeindlichen Welt ist es wichtig, in der Wissenschaft nicht nur etwas Faszinierendes zu sehen, das unsere Welt erklärt, sondern auch etwas Helfendes, das Probleme lösen kann.
Die Herausforderung ist, dass man nicht suggeriert, Wissenschaft löst alle Probleme und führt garantiert zur Lösung, sondern dass man ohne wissenschaftlichen Hintergrund ein großes Risiko hat, Zeit und Ressourcen zu vergeuden. Jagdwirt*innen können mit ihrem Hintergrund, wissenschaftliche Erkenntnisse recherchieren, einordnen und wichtige Schlüsse ziehen. Damit sind sie auch Botschafter für eine aufgeklärte Welt, in der die Wissenschaft zum Wohle aller beitragen kann.
Was bedeutet für dich ganz persönlich „Verantwortung für die Jagd“ im Jahr 2025 und wie verändert sich diese Verantwortung im Licht aktuelle Herausforderungen?
Verantwortung in herausfordernden Zeiten verlangt nach Aufmerksamkeit, komplexem Denken und Flexibilität. Wir wissen nicht, was auf uns zu kommt, aber wir sind uns darüber im Klaren, dass es nicht einfacher wird.
Die große Aufgabe wird sein, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, falsche Maßnahmen frühzeitig zu identifizieren und eine ausgeprägte Fehlerkultur zu entwickeln. Denn es wäre fatal, keine Entscheidungen zu fällen, weil die Probleme zu komplex sind oder falsche Lösungsversuche zu Misskredit führen.
Die Jagd wird es immer geben, aber wir entscheiden, wie in Zukunft gejagt wird. Daher sind auch Jagdwirt*innen mit ihrem Ausbildungshintergund im Besonderen gefragt, eine aktive Rolle einzunehmen, um gestalterisch die Jagd der Zukunft zu prägen.
Und abschließend: Was möchtest du den Jagdwirt*innen mitgeben, die sich nach dem Lehrgang aktiv einbringen wollen – für die Natur, die Gesellschaft und das jagdliche Selbstverständnis?
Nach dem Abschluss steckt in allen noch ein großer Enthusiasmus und das Verlangen, das Erlernte weiterzutragen. Ich mahne bei den akademischen Feiern immer dazu, dass Jagdwirt*innen nicht mit der Brechstange unterwegs sind, sondern mit dem Skalpell, auch wenn die Ungeduld über manche Missstände noch so nervig ist. Wir kommen alle viel weiter, wenn wir unseren Gesprächspartnern auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Wie das gehen kann, zeigen viele Jagdwirt*innen in beeindruckender Weise. Ich bin richtig stolz auf unseren Universitätslehrgang, wenn ich sehe, wie sich Jagdwirt*innen im gesamten deutschsprachigen Raum in Beruf und Freizeit für eine nachhaltige Jagd einsetzen und innerhalb der Jägerschaft aber auch in die Gesellschaft hinein mit gutem Beispiel vorangehen.





Foto: Luca Complojer