Greifvogel als Partner – Gefährte der Lüfte .

Text: Akad. Jagdwirtin Simone Lechner

Wenn Vertrauen Flügel bekommt  – von Simone Lechner

Falknerei ist weit mehr als ein historisches Handwerk. Sie verkörpert eine einzigartigeBeziehung zwischen Mensch und Wildtier – einen Spiegel dessen, was uns mit der Natur verbindet

„Die Beziehung zwischen Adler und Falkner in der mongolischen Steppe ist kein Akt der Beherrschung, sondern ein Bündnis – getragen von Geduld, Vertrauen und tiefer Achtung vor dem Wesen des Tieres.“ (Simone Lechner, Jagdgefährte der Lüfte, 2016)

Zwischen Romantik und Realität – was ist Falknerei heute?

Falknerei zählt zu den ältesten bekannten Formen der Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Sie ist zugleich eine der umstrittensten.

Manche betrachten sie als Relikt archaischer Jagdmethoden, andere als Ausdruck tiefer Naturverbundenheit. Zwischen diesen Polen liegt ein weites Feld voller Missverständnisse und ungenutzter Möglichkeiten.

Die moderne Falknerei hat sich grundlegend gewandelt. Sie ist nicht mehr nur historisches Erbe, sondern lebt und entwickelt sich weiter. Zwischen Tierethik, Biodiversität und Bildungsauftrag gewinnt sie im 21. Jahrhundert neue Relevanz – vorausgesetzt, sie wird bewusst, verantwortungsvoll und mit innerer Haltung betrieben.

Falknerei als Brücke zurück zur Freiheit

Nicht alle verletzte aufgefundenen Greifvögel, können dauerhaft freigelassen werden. Doch ihr Weg zurück in die Natur ist komplexer als angenommen. Ein Greifvogel, der wochenlang in einer Auffangstation verbracht hat, verliert nicht nur körperliche Kraft, sondern auch grundlegende Fähigkeiten: Windkontrolle, Stoßtechniken, Raumgefühl.

Hier kann fachkundiges Training den entscheidenden Unterschied machen. Falknerei wird zur Rehabilitation – respektvoll, mit Hand und Herz. Der Mensch begleitet den Vogel zurück in die Freiheit, ohne ihn jedoch dauerhaft zu besitzen.

Foto: Simone Lechner

Aktuelle Forschungsarbeiten zur Rehabilitation von Greifvögeln belegen, dass die Überlebenschancen nach der Auswilderung deutlich steigen, wenn das Tier gezielt auf die Rückkehr in die Wildnis vorbereitet wurde. Dabei spielen moderne Trainingsmethoden eine wichtige Rolle (Granati et al., 2021).

Artenschutz durch Praxiswissen

Viele übersehen, dass es Falkner*innen waren, die in den 1960er Jahren erstmals auf den dramatischen Rückgang des Wanderfalken aufmerksam machten – lange bevor Wissenschaft oder Politik reagierten. Der Wanderfalkenbestand in Nordamerika sank von geschätzt 3.875 Brutpaaren vor den 1940er Jahren auf nur 324 Paare im Jahr 1975, hauptsächlich durch DDT-Vergiftung.

The Peregrine Fund, gegründet 1970 von Professor Tom Cade gegründet, entwickelte bahnbrechende  Techniken für die Greifvogelzucht und Wiederansiedlung. Aus dieser Erkenntnis entstanden Wiederansiedlungsprojekte, Zuchtprogramme und langfristige Monitoring-Initiativen, die ganze Arten vor dem Verschwinden bewahrten.

Auch heute leisten Falknerinnen und Falkner wichtige Beiträge zum Schutz bedrohter Arten: vom Sakerfalken in Zentralasien bis zu Bartgeier- und Seeadlerprojekten in Europa.

Falknerei fungiert als aktives Bindeglied zwischen Beobachtung, Erfahrung und Schutz – ein Modell, das Wissen nicht trennt, sondern verknüpft (Sielicki, 2008).

Biocontrol statt Gift

Weniger bekannt, aber nicht weniger bedeutsam ist die Rolle der Falknerei in der konfliktarmen Tiervergrämung. Greifvögel werden gezielt eingesetzt, um Vögel oder Nagetiere von Flughäfen, Mülldeponien oder Obstanlagen fernzuhalten – ohne Gift, ohne Fallen, ohne Dauerstress.

Diese Methode ersetzt vielerorts chemische oder mechanische Abschreckung – und schafft neue Wege für biologisch verträgliche Koexistenz. Internationale Flughäfen wie Amsterdam Schiphol oder Frankfurt nutzen bereits seit Jahren professionelle Falknerei-Teams zur Vogelvergrämung.

Bildung, Begegnung und Berührung

In einer Zeit, in der viele Kinder mehr Tierbilder auf Bildschirmen als in der Natur sehen, ermöglicht Falknerei etwas Kostbares: echte Begegnung mit einem freien Tier in menschlicher Nähe. Diese Begegnung verändert etwas.

Forschungen zur tiergestützten Pädagogik zeigen: Wer schon als Kind achtsame Tierkontakte erlebt, entwickelt stärkere Empathiefähigkeit, höhere Umweltverantwortung und ein gesünderes Verhältnis zur eigenen Rolle als Mensch in der Mitwelt.

Das Kind sieht nicht den Besitz – es sieht das Wesen. Die Nähe zum Greifvogel wirkt oft stärker als jede Schulstunde.

Ethik: Kein Besitz, sondern Beziehung

Falknerei unterliegt in vielen Ländern strengen gesetzlichen und ethischen Anforderungen. Wer einen Greifvogel hält, muss in Österreich, Deutschland oder der Schweiz fundierte Prüfungen ablegen – die Falknerprüfung oder einen Jagdschein mit Falknerei-Zusatzqualifikation, mit Schwerpunkt auf Tierverhalten, Gesetzeskunde und Ethik.

Zentrale Aspekte im Alltag sind:
– Körpersprache lesen: Der Vogel „spricht“ – der Mensch muss lernen zu verstehen.
– Freiwilligkeit: Ein Greifvogel, der nicht respektvoll behandelt wird, fliegt – und kehrt nicht zurück.
– Trainingsethik: Motivation statt Zwang, Fitness statt Hungergewöhnung.

„Die Falknerei, wie ich sie kennenlernen durfte, lebt nicht vom Gehorsam. Sie lebt von Vertrauen. Und von einem tiefen Respekt gegenüber einem freien Wesen.“

Persönliche Perspektive – von der Mongolei bis Europa

Meine tiefste Auseinandersetzung mit Falknerei begann in der Mongolei, wo ich für meine Abschlussarbeit mit den Berkutschi forschte – den kasachischen Adlermännern der Westmongolei. Dort ist Falknerei nicht Hobby, sondern Lebensweise. Die Beziehung zum Adler – meist ein Steinadler (*Aquila chrysaetos daphanae*) – wird über Generationen tradiert, gepflegt und in einer eindrucksvollen Ethik verwurzelt. Auch in Kirgisien, wo ich den Schneeleoparden beobachtete, begegnete ich Falknern, deren Haltung leise, klar und nah an der Natur war.

Foto: Simone Lechner

Und nicht zuletzt durfte ich auch in Europa – bei Falknern aus mehreren Ländern – lernen, was moderne Falknerei bedeuten kann: Verantwortung, Geduld, Nähe ohne Aneignung. Besonders tief geprägt haben mich dabei die Begegnungen mit Hari Herak, Michael Holzfeind und Franz Schüttelkopf (Adler Arena Burg Landskron). Ihre Haltung, ihre fachliche Präzision und die ruhige, selbstverständliche Exzellenz, mit der sie Greifvögel führen, haben mir gezeigt, was Falknerei auf höchstem Niveau bedeuten kann: fachlich wie menschlich. Diese Erfahrung war für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein großer Gewinn, für den ich bis heute sehr dankbar bin.

Foto: Michael Holzfeind – Falkenmeister und Mentor, der mir zeigte, was wahre Meisterschaft bedeutet: wenn Haltung und Handwerk eins sind.

Falknerei als UNESCO-Weltkulturerbe

Die UNESCO hat die Falknerei am 16. November 2010 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Unter der Führung der Vereinigten Arabischen Emirate schlossen sich 11 Länder zusammen, um diese Anerkennung zu erreichen. Diese Würdigung unterstreicht die kulturelle Bedeutung der Falknerei als lebendige Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die UNESCO begründete ihre Entscheidung damit, dass die Falknerei „eine echte soziale Tradition ist, die sich um die Umwelt kümmert und von Generation zu Generation weitergegeben wird“.

Fazit: Falknerei als Kultur der Beziehung

Falknerei ist keine Domestizierung. Sie ist eine Kulturtechnik – ja –, aber vor allem ist sie eine Form bewusster Beziehung zwischen Mensch und Wildtier.

Wenn die Falknerei mit Respekt, Wissen und Verantwortung gelebt wird, ist sie weit mehr als eine Jagdform. Sie wird zu einem Spiegel unseres Menschseins und vielleicht zu einer Schule für das, was uns wirklich verbindet.

Weiterführende Quellen und Studien

  • Lechner, S. (2016): „Gefährte der Lüfte“ – Der Steinadler in der mongolischen Falknerei. BOKU Wien.
  • Granati, A., Delfino, M., & Padoa-Schioppa, E. (2021): High-Tech Training for Birds of Prey.
  • Sielicki, J. (2008): Falconry as a Biodiversity Conservation Tool.
  • The Peregrine Fund (2022): Annual Report on Raptor Conservation.
  • UNESCO (2010): Falconry, a Living Human Heritage.
  • Cade, T. J. (1988): Using science and technology to reestablish species lost in nature.
  • Bond, R. M. (1946): The peregrine population of western North America.

Simone Lechner – Akad. Jagdwirtin VII

Simone Lechner aus Südtirol ist Jägerin und Falknerin. Sie engagiert sich in den Bereichen der Jagdethik und Wildpädagogik. Sie steht für eine praxisnahe, reflektierte Bildungsarbeit im Sinne einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Jagdausübung. 2016 schloss sie den Universitätslehrgang JAGDWIRT/IN mit Auszeichnung an der BOKU Wien ab, mit einer Arbeit über den Wolfsadler der Berkutschi im Westen der Mongolei.