Visionen für Wildtiermanagement und Jagd – Die Rolle der akademischen Jagdwirt*innen.

Text: Hon. Prof. Dr. Friedrich Reimoser

Ausgangslage: Wildtiere in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft

Die Kulturlandschaft wird immer intensiver vom Menschen genutzt. Die Auswirkungen auf Wildtiere sind vielfältig – die Herausforderungen im Wildtiermanagement werden größer. Die Einflussfaktoren sind komplex vernetzt: ökologische, ökonomische, soziokulturelle und politisch-administrative Aspekte greifen ineinander. Landeskulturelle Werte und Gesetze bilden den Rahmen.

Verantwortung aller Landnutzer – nicht nur der Jagd

In den Jagdgesetzen wird klar gefordert: artenreiche Wildbestände und Lebensräume erhalten, Wildschäden vermeiden. In anderen Gesetzen fehlt diese Forderung.

Viele Landnutzer beeinflussen die Wild-Umwelt-Situation, oft ohne sich dessen bewusst zu sein – etwa durch Veränderungen der Wildverteilung, der Bejagbarkeit oder der Wildschadenanfälligkeit von Wäldern.

Wenn ich über die Jagd spreche, dann spreche ich nicht allein über Wildstandsregulierung, Freizeitbeschäftigung oder Tradition. Ich spreche über ein Werkzeug der Diplomatie, ein Mittel des Naturschutzes und über eine Verbindung zwischen Kulturen.

Abb. 1: Nachhaltiges Huftiermanagement – von der sektoralen Nachhaltigkeit (z.B. Jagd) zur integralen Nachhaltigkeit (alle Landnutzer im Wildlebensraum)

Übereinstimmend mit den internationalen Abkommen zur Nachhaltigkeit wurden Prinzipien, Kriterien und Indikatoren für ein nachhaltiges Wildtiermanagement entwickelt, intersektoral abgestimmt für vier Sektoren der Landnutzung (Jagd, Forstwirtschaft, Landwirtschaft Freizeitaktivitäten), jeweils für die drei Nachhaltigkeitsbereiche Ökologie, Ökonomie und Sozio-Kultur (Download).  Eine optimale Maßnahmenabstimmung ist teilweise auch wegen der bestehenden Rechtslage erschwert. Die Gesetze sind meist sektoral entstandenen und beziehen sich auf eine bestimmte Landnutzergruppe. Eine integrale Maßnahmen-Abstimmung zwischen den Gruppen im Hinblick auf die Erhaltung vitaler Wildtierpopulationen und gleichzeitige Vermeidung von Wildschäden wird selten verlangt.

Bildung und Bewusstsein als Grundlage

Effiziente und nachhaltige Lösungen erfordern eine bessere Ausbildung aller beteiligten Gruppen – auf Basis objektiver Forschungsergebnisse.

Bereits ab der Volksschule sollte Wissen zu ökologischen Zusammenhängen vermittelt und Bewusstsein aufgebaut werden.

Vorurteile und Feindbilder überwinden

Wildtiere und Jagd sind emotionale Themen. In Konflikten werden komplexe Sachfragen oft auf einfache Schwarz-Weiß-Muster reduziert, was Auseinandersetzungen verschärft. Hier braucht es geduldige, sachliche Informationsarbeit und den Willen zur Kooperation statt zur Pflege von Feindbildern.

Die Rolle des akademischen Jagdwirts – Brückenbauer im System

Eine wesentliche Stärke der „Jagdwirte“ ist ihre Diversität: unterschiedliche Zugänge, Erfahrungen und Ausbildungen führen zu bereichernden Diskussionen und einem Aneinander-Lernen. Der Mehrwert liegt in der Brückenfunktion:

  • Verbindung von Wissenschaft und Praxis
  • Vermittlung zwischen den Ansprüchen der Wildtiere und den Interessen verschiedener Habitatgestalter
  • Integration von Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Jagd, Freizeit, Verkehrsplanung und Naturschutz

Ausrichtung auf ein umfassendes Wildtiermanagement

Jagdwirt*innen sollten auf nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, Biodiversitätserhaltung, Schadensvermeidung und wildökologische Raumplanung hinarbeiten.

Dazu gehört auch die Information von Öffentlichkeit und Politik über den Wert einer ökologisch ausgerichteten Jagd für die Landeskultur – als ehrenamtlicher Dienstleister mit finanziellem Beitrag.

Wildtiermanagement ist unverzichtbar

Ohne Freizeitjäger würde die Regulierung der Schalenwildbestände in Österreich über eine Milliarde Euro pro Jahr kosten. Wildtiermanagement erfordert Habitatgestaltung und Bestandsregulierung – Aufgaben, für die der Jäger den gesetzlichen Auftrag hat. Dennoch darf er dabei nicht allein gelassen werden.

Mehr als nur Jagd – integrales Denken fördern

Effizientes Wildtiermanagement braucht die Einbindung aller relevanten Akteure.

Dazu ist eine bessere Abstimmung aller wildökologisch relevanten Gesetze nötig. Anachronismen wie die verschuldensunabhängige Alleinhaftung bei Wildschäden oder das Motto „Wald vor Wild“ behindern ein ökologisch sinnvolles Handeln.

Abb. 2: Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Wildtieren

Einflüsse auf den Lebensraum und auf Wildtiere selbst: Die Lebensbedingungen des Wildes werden durch den Menschen direkt und indirekt verändert (Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Naturschutz, Siedlungsbau, Freizeitnutzung, Verkehr etc.). Diese Veränderungen beeinflussen oft entscheidend Entwicklung und Verhalten der Wildtiere und damit auch die Rückwirkungen des Wildes auf den Lebensraum – es besteht eine „Wechselwirkung“ (Abb. 2 – Doppelpfeil) zwischen Wildtieren und deren Lebensraum.

3 Knackpunkte: Bildung, Gesetzgebung und integraler Ansatz

Optimierungspotenzial gibt es vor allem in der Aus- und Weiterbildung sowie in der Gesetzgebung. Wildtiere müssen bei der Landnutzungsplanung als integraler Bestandteil mitgedacht werden – Jagdwirt*innen können hier eine Katalysatorrolle einnehmen. Auch Grundeigentümer sollten stärker in diesen integrativen Ansatz einbezogen werden.

Ausblick

In Zukunft können akademische Jagdwirtinnen und Jagdwirte entscheidend zur Weiterentwicklung von Wildtiermanagement und Jagd beitragen – besonders, wenn sie als vernetztes, interdisziplinäres Kollektiv agieren.

Die Vision: „Vorbildfunktion für integratives Denken und Handeln, faktenorientiert, situationsangepasst und möglichst frei von Ideologie.“

Wildtiermanagement-System

Abb. 3: Die drei „Steuerungsschrauben“ des Wildtiermanagements

Grundsätzlich kann im Wildtiermanagement in drei Bereichen eingegriffen werden (Abb. 3 – Drei „Steuerungsschrauben“), um das System in Balance zu bringen. Die drei Schrauben sind untrennbar miteinander verknüpft, voneinander abhängig. Das System ist in Balance, wenn das Systemgleichgewicht den Zielvorstellungen entspricht. Ändert sich an einer Schraube etwas und die Balance geht verloren, dann muss an den anderen Schrauben gedreht werden, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Schadenstoleranz spielt dabei eine wesentliche Rolle, sowohl aus privater als auch aus öffentlicher, behördlicher Sicht. Die Entstehung von „Schaden“ wird zum Beispiel in Nationalparks, in bewirtschafteten Wäldern und im Objektschutzwald ganz anders gesehen. Bei der Gestaltung von Lebensräumen in der Kulturlandschaft sollten die Auswirkungen auf die Huftiere sowie deren mögliche Rückwirkungen auf den Lebensraum stets mitberücksichtigt werden. Folgende Aspekte sind bei der Lebensraumgestaltung maßgeblich:

  • Attraktivität des Lebensraumes (des Habitats) aus dem Blickwinkel der Tiere (je Tierart);
  • Wildschadenanfälligkeit des Waldes, der Landwirtschaft, etc. aus dem Blickwinkel Forst (z.B. Schutzwald, Wirtschaftswald, Waldumbau), Landwirtschaft, Naturschutz;
  • Bejagbarkeit des Wildes aus dem Blickwinkel Jäger

Die ungünstigste Situation entsteht, wenn die Habitatattraktivität sehr hoch ist (viel Wild) und gleichzeitig auch eine hohe Wildschadenanfälligkeit (verträgt wenig Wild) und eine schlechte Wild-Bejagbarkeit bestehen. Viele „Habitatgestalter“ (alle Menschen im Lebensraum des Wildes) beeinflussen dies mit (bewusst oder unbewusst); gemeinsames Ziel sollte sein: Wildtiere möglichst schadensfrei in die Kulturlandschaft integrieren, also Wildtiere als „Standortfaktor“ berücksichtigen, „Kooperation statt Feindbildpflege“, objektive (statt ideologische) Information.

Eine großräumige wildökologische Raumplanung mit der Setzung von Zielprioritäten (räumlich, zeitlich) sowie eine zweckmäßige Abstimmung von Maßnahmen sind erforderlich.

Überzeugende Positivbeispiele in der Praxis, wo integratives Huftiermanagement zum Erfolg führte, gibt es durchaus. Auf diese Zusammenhänge sollten Jagdwirt*innen besonders hinweisen.

Hon. Prof. Dr. Friedrich Reimoser

Honorarprofessor an der BOKU University, langjähriger Leiter der Abteilung Ökologie, Wildtiermanagement und Naturschutz am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Als international anerkannte Koryphäe im Bereich integrales, nachhaltiges Wildtiermanagement hat er mit über 770 Fachpublikationen und rund 80 Projekten maßgeblich zur wissenschaftlichen Fundierung von Jagd, Wildökologie und Wald-Wild-Beziehungen beigetragen. Sein interdisziplinärer Ansatz verbindet Jagd-, Forst- und Naturschutzpraxis mit angewandter Forschung – immer mit dem Ziel, tragfähige Lösungen im Spannungsfeld von Ökologie, Nutzung und gesellschaftlicher Akzeptanz zu entwickeln.

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