Der Rothirsch – ein Teil der Kulturlandschaft.

Ein Beitrag von Dr. Paul Griesberger, M.Sc.
Dieser Artikel ist ebenfalls im BOKU Magazin (4/12–2025, S. 40–42) erschienen.

Institution: BOKU University, Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft, Department für Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität, Gregor-Mendel-Straße 33, 1180 Vienna, Austria

Einordnung

Forschungsobjekt, Jagdbeute, Forstschädling, Fotomotiv – der Rothirsch, auch Rotwild genannt, wird je nach Interessensgruppe unterschiedlich wahrgenommen. Neben diesen diversen Sichtweisen gibt es jedoch auch eine Gemeinsamkeit – der Lebensraum „Wald“, mit dem der Rothirsch in der Regel in Verbindung gebracht wird. Basierend auf der scheinbar engen Assoziation zwischen Hirsch und Wald, in Kombination mit dem imposanten Erscheinungsbild dieser wildlebenden Huftierart (Schalenwild), erscheint der Titel „König des Waldes“ durchaus treffend. Doch dieser Titel trügt, denn ursprünglich war der Rothirsch kein Bewohner dichter Wälder. Seine natürlichen Lebensräume umfassten offene Graslandschaften, Heideflächen, lichte Wälder und Gebirgsregionen nahe der Baumgrenze. Erst durch die menschliche Landschaftsnutzung wurde der Rothirsch zunehmend in bewaldete Gebiete zurückgedrängt.

Der Rothirsch, ein König des Waldes? Nicht ganz… (Foto: Paul Griesberger)

Ein Verbergungskünstle par excellence

Auch in den durch den Menschen dominierten Kulturlandschaften Österreichs werden die Lebensräume vieler Wildtiere zunehmend kleiner. Dies hat ebenfalls Auswirkungen auf den Rothirsch, welcher als störungssensibles Wildtier versucht den Menschen räumlich und zeitlich auszuweichen.

Wissenschaftliche Studien, etwa von Griesberger et al. (2022), haben mithilfe moderner GPS-Technik gezeigt, dass Rothirsche potenzielle Störungen durch den Menschen aktiv meiden. Tagsüber nutzt diese Wildart abgelegene, für den Menschen schwer zugängliche Bereiche, während sie erst bei Dunkelheit offene Flächen zur Nahrungssuche betritt. Neben diesem Ausweichverhalten reagiert der Rothirsch auch physiologisch: Nähert er sich einer potenziellen Gefahr, etwa einer jagdlichen Ansitzeinrichtung, steigt seine Herzfrequenz messbar an (Griesberger et al. 2021). Diese Verhaltensmuster verdeutlichen das räumliche Verständnis einer „Landschaft der Furcht“ (Laundré et al. 2010), die man sich als Mosaik unterschiedlich gefährlicher Flächen aus Sicht des Rothirsches vorstellen kann.

Auch eine aktuelle Schweizer Studie (Rempfler et al. 2025) bestätigt, dass Rothirsche ruhige Lebensräume mit geringer menschlicher Präsenz bevorzugen und Aktivitätsmuster entsprechend anpassen.

Die Wildtierforschung (z.B. mittels GPS-Halsbandsystemen) ermöglicht Einblicke in das Raum-Zeit-Verhalten, die Aktivität und Physiologie des Rothirsches. (Foto: Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft / Nationalpark Hohe Tauern Salzburg)

Herausforderungen

Basierend auf diesem Ausweichverhalten und den in den meisten Teilen Europas steigenden Rotwildbeständen (Lovari et al. 2018) ergeben sich vielfältige Herausforderungen im Umgang mit dieser Schalenwildart. Die Jagd gestaltet sich zunehmend schwieriger, da die Tiere die schützenden Waldbestände, in denen jagdliche Maßnahmen nur eingeschränkt möglich sind, erst in der Nacht verlassen. Hinzu kommt die Wildeinfluss-Problematik aufgrund teilweise lokal erhöhter Rotwilddichten in Waldgebieten. Gerade im Hinblick auf sich verändernde Waldbilder kann ein (häufig durch den Menschen verursachter) erhöhter Wildeinfluss (z.B. Verbiss von Jungbäumen oder Abschälen der Rinde älterer Bäume) waldbauliche Zielsetzungen (z.B. Verjüngungsziele) gefährden. Konflikte zwischen Landnutzergruppen, ausgelöst durch den Rothirsch, sind häufig die Folge.

Zusätzlich spitzt sich die Situation in den heimischen Wäldern durch eine Zunahme an Freizeitaktivitäten weiter zu. Verbesserte Ausrüstung und das steigende Bedürfnis vieler Menschen, mehr Zeit in der Natur zu verbringen, führen zu einer zusätzlichen Belastung für Wildtiere. Grundsätzlich ist ein stärkerer Naturbezug der österreichischen Bevölkerung positiv zu bewerten, da er das Verständnis für ökologische Zusammenhänge fördert. Problematisch wird dies jedoch, wenn Freizeit- und Erholungsaktivitäten ungelenkt zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Lebensräumen der Wildtiere stattfinden. Für den Rothirsch können derartige Störungen insbesondere während der Wintermonate negative Konsequenzen haben.

Der „Winterschlaf“ des Rothirsches

Während der kalten Jahreszeit senkt der Rothirsch seine Körpertemperatur und Herzfrequenz, um Energie zu sparen. Diese Form der Stoffwechselreduktion kann als abgeschwächte Variante eines Winterschlafs bezeichnet werden (Arnold 2020). Die Herzfrequenz in Ruhe sinkt dabei von über 80 auf weniger als 40 Schläge pro Minute, und die Temperatur in den Extremitäten kann bis auf unter 15 °C abfallen (Griesberger et al. 2021). So übersteht der Rothirsch energieeffizient die nahrungsarme Zeit.

Wird dieser Ruhezustand durch menschliche Aktivitäten gestört – etwa durch Wintersport oder nächtliche Wanderungen – fällt die Stoffwechselreduktion geringer aus und der Energieverbrauch steigt an. Da im Winter weniger Nahrung verfügbar ist, wird ein erhöhter Energiebedarf oft an der Waldvegetation (z.B. Verbiss von jungen Bäumen) gedeckt. Dadurch können wiederum wichtige Waldfunktionen beeinträchtigt werden und Konflikte zwischen Landnutzergruppen verschärfen sich.

Vor allem in den Wintermonaten benötigen Rothirsche Ruhe (Foto: Corné Botha)

Wege zu einem integralen Rotwildmanagement

Wie kann es nun gelingen, den Rothirsch als faszinierenden Teil der Kulturlandschaft zu erhalten und gleichzeitig Konflikte zwischen Interessensgruppen zu vermeiden? Die Antwort liegt in einem integralen, an lokale Gegebenheiten angepassten Management, bei dem die Auswirkungen und Wünsche aller betroffenen Interessensgruppen berücksichtigt werden. Dazu gehören unter anderem angepasste Bejagungskonzepte (z. B. Intervallbejagung), waldbauliche Maßnahmen zur Reduktion der Wildschadensanfälligkeit (die Forstwirtschaft als Lebensraumgestalter) sowie Besucherlenkungskonzepte in stark frequentierten Gebieten.

Entscheidend ist dabei, die Kooperation, Kommunikation und das gegenseitige Verständnis zwischen allen Betroffenen (Forstwirtschaft, Jagdwirtschaft, Landwirtschaft, Tourismus, Naturschutz, …).

Nur wenn sektorales Denken überwunden und integrale Ansätze verfolgt werden, kann ein zukunftsfähiges Miteinander entstehen. Wissenschaftlich fundierte Grundlagen und großräumige Planungen – etwa im Rahmen der wildökologischen Raumplanung – bilden die Basis dafür, den Rothirsch langfristig als festen Bestandteil unserer Kulturlandschaft zu bewahren und das Zusammenleben von Mensch, Wald und Wild im Gleichgewicht zu halten.

Integrales Denken und Handeln fördert die Lösung gemeinsamer Probleme. Wichtig ist hierbei, dass alle betroffenen Interessensgruppen an einem Strang in dieselbe Richtung ziehen. Wissenschaftliche Grundlagen sollten als neutrale Basis fungieren, um Konflikte zu entschärfen und das Rotwildmanagement zu unterstützen. (Grafik: Paul Griesberger)

Literatur

Arnold W. (2020): Review: Seasonal differences in the physiology of wild northern ruminants. Animal, Volume 14, Supplement 1, 2020, 124–132.

Griesberger P., Zandl J., Obermair L., Stalder G., Reimoser F., Arnold W., Hackländer K. (2021): Integrales Rotwildmanagement – Ein Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis. Der Anblick.

Griesberger P., Obermair L., Zandl J., Stalder G., Arnold W., Hackländer K. (2022): Hunting suitability model: a new tool for managing wild ungulates. Wildlife Biology, 2022: e01021.

Laundré J.W., Hernandez L., Ripple W.J. (2010): The Landscape of Fear: Ecological implications of being afraid. Open Journal of Ecology 3, 1–7.

Lovari S., Lorenzini R., Masseti M., Pereladova O., Carden R.F., Brook S.M., Mattioli S. (2018): Cervus elaphus (errata version published in 2019). The IUCN Red List of Threatened Species 2018: e.T55997072A142404453.

Rempfler T., Peters W., Signer C., Filli F., Jenny H., Hackländer K., Buchmann S., Anderwald P. (2025): Contrasting Daytime Habitat Selection in Wild Red Deer Within and Outside Hunting Ban Areas Emphasises Importance of Small-Scale Refuges From Humans. Ecology and Evolution 15, no. 6

Dr. Paul Griesberger, M.Sc.

Paul Griesberger, geborgen 1990 und aufgewachsen in der Wienerwald-Region, hat sein Hobby zum Beruf gemacht, indem er Zoologie an der Universität Wien sowie Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der BOKU University studiert hat. Seit 2017 arbeitet er als Wissenschaftler und Lehrender an der BOKU und beschäftigt sich mit der Erforschung und dem Management von wildlebenden Huftieren (Fokus auf Rothirsch, Gämse und Reh) in der Kulturlandschaft. Er selbst hat sich das Ziel gesetzt, die Ergebnisse seiner Projekte an die wissenschaftliche Gemeinschaft und Praktiker*innen weiterzugeben, um Konflikte zwischen Interessensgruppen, ausgelöst durch Wildtiere, zu entschärfen und zum Erhalt von Wildtieren in der Kulturlandschaft beizutragen.

Zusammengefasst beschreibt sich Paul Griesberger als naturbegeisterter Wildtierökologie und Jäger sowie als Hobby-Ornithologe, welchem die Vermittlung von Wissen rund um Fauna und Flora ein besonderes Anliegen ist.