Der Rothirsch in der Kulturlandschaft – Landschaftspfleger und Wegbereiter für Artenvielfalt .
Ein Beitrag von Ulrich Maushake, Leitender Forstdirektor a.D., Truppenübungsplatz Grafenwöhr.
Einordnung
Bisher wird der Rothirsch weitgehend nur unter dem Aspekt großer Waldschädling oder begehrte Jagdtrophäe betrachtet. Seine Rolle im Ökosystem als Wegbereiter für Struktur- und Artenvielfalt findet kaum Beachtung.
Forschungsprojekt Grafenwöhr: Offenlandnutzumg durch Rotwild

Foto: Ulrich Maushake
Dass Rothirsche durch ihre Frasstätigkeit zum Erhalt von ökologisch wertvollen Offenlandschaften wesentlich beitragen können, zeigt ein Forschungsprojekt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Dort nutzt der Rotwildbestand intensiv das vorhandene Offenland und nimmt so maßgeblich Einfluss auf die Vegetationsentwicklung sowie die Biodiversität. Die so entstandene Strukturvielfalt schafft Artenvielfalt. Umfangreiche Vegetationserhebungen, Feldexperimente sowie erhobene Telemetriedaten der Wissenschaftler belegen dies eindeutig.
Klassische Beweidung und ihre Grenzen
Waren es bisher extensiv im Außenbereich gehaltene Nutztiere wie Rinder oder Schafe, die die Vegetation auf den Weideflächen kurzgehalten haben, kommen zunehmend weitere nicht heimische Tierarten wie Heckrinder, Koniks und Wasserbüffel in naturschutzfachlich ausgerichteten Beweidungskonzepten zum Einsatz. Hohe Kosten und nicht zuletzt die sich ausbreitende Wolfspopulation setzen diesem Verfahren zunehmend Grenzen.
Nutzung wildlebender Tierarten als Alternative
Liegt es da nicht nahe, vorhandene Bestände wildlebender Tiere wie Rot- und Damwild zu nutzen, auch um zusätzliche Synergieeffekte für die Land- und Forstwirtschaft sowie auch für die Jagd zu erzielen?
Voraussetzung: Zielgerichtetes Wildtiermanagement
Voraussetzung hierfür ist zunächst ein zielgerichtetes Wildtiermanagement.
Ausgangspunkt muss die strikte Beachtung der wildbiologischen Eigenschaften der Tierarten sein – Im Kern das hohe Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis und Wohlbefinden im Sozialverband.

Zielgerichtetes Wildtiermanagement lässt den Wald wachsen. Foto: Ulrich Maushake
Praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse belegen unzweifelhaft, dass es möglich ist, unterBerücksichtigung dieser Eigenschaften diese Wildarten in ihrer Raumnutzung zu beeinflussen. Durch Anbieten von Ruhe- und Äsungsräumen einerseits (Pull-Effekt) und jagdliche Schwerpunkteingriffe andererseits (Push-Effekt) können diese sozialen sowie merk- und lernfähigen Tiere gelenkt werden.
Bedeutung für Wald-Wild-Diskussion und Waldumbau

Foto: Ulrich Maushake
Das Potenzial dieser Erkenntnisse ist auch im Hinblick auf die Wald-Wild-Diskussion und den vielerorts notwendigen Waldumbau enorm. Bedeutsam ist ebenfalls, dass gerade insbesondere die für konzentrierte Fraßeinwirkungen relevanten Kahlwildverbände deutlich kleinere Jahresstreifgebiete nutzen als bisher angenommen und diese, bei entsprechender jagdlicher Behandlung, über Jahre hinaus konstant bleiben. Damit erhalten die geschilderten Zusammenhänge auch Bedeutung für weniger großflächige Reviere.
Räumliche Konzentration durch jagdliche Strategien
Sind durch Beweidung zu pflegende Naturschutzflächen sowie im räumlichen Zusammenhang weniger schadrelevante land- und/oder forstwirtschaftliche Bereiche vorhanden, kann durch eine zielgerichtete jagdliche Bewirtschaftung eine Konzentration des Wildbestandes in diesen Teilbereichen ihres Lebensraumes erzielt werden.
Positive Effekte für Naturschutz, Wirtschaft und Jagd
Gelingt dies, ergeben sich einerseits positive Effekte hinsichtlich einer Verringerung von wirtschaftlichen Schäden in der Land- und Forstwirtschaft, andererseits werden naturschutzfachliche Pflegeziele über Fraßeinwirkungen des Wildes wirksam und kostengünstig unterstützt. Quasi als Nebeneffekt wird der Jagdwert der Flächen durch eine sich einstellende Tagaktivität des Wildes in den bestimmten Revierteilen deutlich erhöht.

Lenkung des Wildes in naturschutzrelevante Offenlandflächen kann Beweidung durch Nutztiere ersetzen und den Verbissdruck im Wald verringern. Foto: Ulrich Maushake
Fazit: Jagd als Teil der Lösung
Die vielfältigen Ansprüche an die heutige Kulturlandschaft können durch umfassende und intelligente Konzepte durchaus in Einklang gebracht werden. Insbesondere bei der Pflege und dem Erhalt ökologisch hochwertiger Offenlandflächen kann eine intensive und jagdlich gesteuerte Nutzung dieser Bereiche durch Wildtiere eine naturschutzfachlich wünschenswerte Ergänzung notwendiger Pflegemaßnahmen sein.
So wird die Jagd und der artgerechter Umgang mit den uns anvertrauten Wildtieren Teil der Lösung!
Ulrich Maushake
Leitender Forstdirektor
a. D.
Ulrich Maushake
Ulrich Maushake, geboren 1957 in Celle, ist studierter Forstwissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung in leitenden Funktionen der staatlichen Forstverwaltung. Nach dem Abitur am Schiller-Gymnasium in Hameln absolvierte er einen zweijährigen Wehrdienst und studierte anschließend Forstwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen.
Nach Referendariat und ersten beruflichen Stationen als Forsteinrichter beim Niedersächsischen Planungsamt war Maushake mehrere Jahre in der Ministerialverwaltung als persönlicher Referent des Niedersächsischen Ministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten tätig. Es folgten Leitungsfunktionen in der niedersächsischen Forstverwaltung sowie der Wechsel zur Bundesforstverwaltung.
Von 1995 bis 2023 leitete Ulrich Maushake den Bundesforstbetrieb Grafenwöhr und prägte dort über nahezu drei Jahrzehnte hinweg die forstliche, jagdliche und naturschutzfachliche Entwicklung eines der größten zusammenhängenden Offenland- und Waldkomplexe Deutschlands. Seit 2024 befindet er sich im Ruhestand und führt sein Unternehmen Wald Wild Consulting.
Seine fachliche Arbeit wurde unter anderem mit dem Kreativpreis des Bundes der Steuerzahler in Bayern e. V. sowie mit der Meritorious Public Service Medal des Department of the United States Army ausgezeichnet. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Maushake über viele Jahre ehrenamtlich, unter anderem als Mitglied von Rotary International, als Experte im Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC), als langjähriges Mitglied des Landes- und Hochwildausschusses des Bayerischen Landesjagdverbandes sowie als Vorsitzender des Vereins Hirschmann.




