Interview: Begegnungszone Wald – Warum Naturerlebnisse wichtiger sind denn je .
Text: Birgit Kluibenschädl
Kinder, die staunend Tierspuren entdecken. Erwachsene, die den Wald plötzlich mit anderen Augen sehen. Und Jägerinnen und Jäger, die nicht nur Wild beobachten, sondern auch Wissen, Verantwortung und Begeisterung weitergeben: Jagdpädagogik schafft Begegnungen, die weit über reine Wissensvermittlung hinausgehen.
Die Tiroler Wald- und Jagdpädagogin Birgit Kluibenschädl spricht im Interview über ihre Arbeit mit Kindern und Erwachsenen, über die Rolle der Jagdpädagogik und darüber, warum echtes Naturerleben durch nichts ersetzt werden kann. Ein Gespräch über Staunen, Verantwortung und darüber, warum man den Wald nicht nur erklären, sondern vor allem erleben muss.
„Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern,
die Bäume und die Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen wird.(Bernhard con Clairvaux)
Wie bist du persönlich zur Naturpädagogik gekommen – was war Dein Zugang?
Eigentlich hätte mich mein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium eher in ein Büro geführt. Umso dankbarer bin ich, dass mich mein Berufsweg vor ca. 25 Jahren in eine gänzlich andere Richtung verschlagen hat, und zwar in den Bereich der Naturpädagogik. Das Draußen-Sein, das Wissen über die Zusammenhänge in der Natur, kreatives Arbeiten und die Begegnung mit Menschen haben mich sofort begeistert. Als Bergwanderführerin, Jagd- und Waldpädagogin sowie Naturführerin durfte ich seitdem viele Menschen – vom Kindergartenkind bis zum Pensionisten – in die Natur begleiten. Und das Schönste daran: Die Natur bleibt ein lebenslanges Lern- und Erfahrungsfeld.
Was fasziniert dich besonders daran, Kindern und Erwachsenen den Wald und die Wildtiere näherzubringen?
Kinder brauchen eine Umwelt, die sie mit allen Sinnen erleben können. Im Wald gibt es hinter jedem Schritt etwas Neues zu entdecken. Genau das fasziniert mich: Menschen für die kleinen Wunder der Natur zu begeistern. Wenn Kinder plötzlich Spuren entdecken, durch ein Spektiv Wildtiere beobachten oder selbst kreativ werden und mit Naturmaterialien bauen, dann entsteht echtes Staunen. Dabei lernen sie ganz nebenbei Respekt und Verantwortung für den Lebensraum Wald.
Welchen Stellenwert siehst du für die Jagd in der Pädagogik – und welchen Beitrag kann umgekehrt die Pädagogik für eine verantwortungsvolle Jagd leisten?
Jagdpädagogik ist heute ein wichtiger Teil moderner Öffentlichkeitsarbeit. Der Druck auf den Lebensraum Wald nimmt durch Freizeitnutzung und Natursport stark zu. Deshalb braucht es neben Regeln auch Verständnis für die Bedürfnisse von Wildtieren und ihren Lebensraum. Jagdpädagogik kann hier Brücken bauen: Sie vermittelt Wissen, schafft Bewusstsein und fördert Verantwortungsgefühl – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Gleichzeitig hilft sie auch Jägerinnen und Jägern, ihre Aufgaben verständlich und transparent zu vermitteln.
Jagd wird oft als schwer vermittelbar empfunden. Welche pädagogischen Wege können helfen, Wildtiere nicht nur als „Objekte“ der Jagd verständlich zu machen?
Wichtig ist, Wildtiere als Teil eines sensiblen Lebensraums sichtbar zu machen. In der Jagdpädagogik arbeiten wir deshalb stark über Erlebnisse, Beobachtungen und eigenes Entdecken. Kinder lernen spielerisch das Verhalten von Wildtieren kennen und verstehen, warum Ruhegebiete oder Fütterungen wichtig sind. All das dürfen wir Jäger ihnen vermitteln – aus erster Hand! Wenn Menschen erleben, wie faszinierend und empfindlich die Natur ist, entsteht automatisch mehr Respekt gegenüber den Tieren und auch gegenüber der Aufgabe der Jagd.

Wie gehst du mit der oft widersprüchlichen Sicht auf Tiere in unserer Gesellschaft um?
Ich versuche, Verständnis statt Bewertungen in den Mittelpunkt zu stellen. Viele Menschen haben heute wenig direkten Bezug zur Natur und erleben Tiere oft nur über Bilder oder soziale Medien. In meiner Arbeit geht es deshalb darum, Zusammenhänge sichtbar zu machen: Wildtiere sind nicht nur schön anzusehen, sondern Teil eines komplexen Ökosystems. Wenn Menschen Natur unmittelbar erleben, entsteht oft ein differenzierterer Blick – und genau dort können Brücken zur Jagd entstehen.
Was kann die Jagdpädagogik – oder die naturpädagogische Arbeit mit Jägerinnen und Jägern – konkret beitragen, um mehr Verständnis in der Bevölkerung zu schaffen?
Jagdpädagogik kann Vorurteile abbauen, indem sie direkte Begegnungen draußen im Wald schafft und zeigt, dass Jagd weit mehr bedeutet als nur das Erlegen von Wild – nämlich Verantwortung für den gesamten Lebensraum. Besonders wichtig ist dabei der persönliche Austausch mit Menschen, die so erleben können, welche Aufgaben Jägerinnen und Jäger tatsächlich übernehmen. Genau
deshalb hat Jagdpädagogik auch in der jagdlichen Ausbildung einen wichtigen Stellenwert – etwa im Unterricht bei den Jagdwirten oder im Berufsjägerlehrgang in Rotholz, wo angehende Berufsjäger lernen, Naturwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln.
Kinder sind oft die direktesten und neugierigsten Lernenden – welche Fragen oder Reaktionen von Kindern haben dich besonders bewegt?
Kinder begegnen der Natur oft mit einer unglaublichen Offenheit und Begeisterung. Besonders berühr
t hat mich die Aussage eines Mädchens nach einem Waldtag. Sie meinte: „Wenn ich groß bin, möchte ich gerne einen Jäger als Freund, denn der kann mir in der Natur so viele interessante Dinge erklären und zeigen!“ Solche Au
ssagen zeigen, wie wichtig echte Naturerlebnisse sind – gerade in einer Zeit, in der viele Kinder zu viel Zeit vor ihren Bildschirmen verbringen und kaum noch draußen unterwegs sind.
Was können Erwachsene von Kindern lernen, wenn es um den Zugang zur Natur geht?
Kinder staunen noch über Kleinigkeiten und nehmen sich Zeit zum Entdecken. Erwachsene hingegen sind oft zielorientiert unterwegs. Von Kindern können wir lernen, wieder genauer hinzuschauen, mit allen Sinnen wahrzunehmen und die Natur nicht nur als Kulisse zu sehen. Eigentlich sind Erwachsene nur größer gewachsene Kinder – wir sollten viel öfter einfach hinausgehen und die Natur wieder bewusst erleben. Das ist spannend und macht auch Spaß!
ZEITREISE
Nimm ein Kind an die Hand und lass dich von ihm führen.
Betrachte die Steine, die es aufhebt und höre zu, was es dir erzählt.
Zur Belohnung zeigt es dir eine Welt, die du längst vergessen hast.
Welchen Stellenwert siehst du für Social Media in der Wald- und Wildpädagogik? Kann es ein hilfreicher pädagogischer Kanal sein – oder bleibt das persönliche Gespräch unverzichtbar?
Social Media kann ein hilfreiches Werkzeug sein, um Menschen zu erreichen und Interesse zu wecken. Aber echte Naturerlebnisse lassen sich dadurch nicht ersetzen. Der Wald muss erlebt, gespürt und entdeckt werden. Deshalb bleibt die persönliche Begegnung draußen unverzichtbar. Kinder brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie schön Zeit in der Natur sein kann.
Spürst du, dass sich Lernen und Aufmerksamkeit verändert haben?
Ja, das merkt man deutlich. Lange Vorträge funktionieren heute oft weniger gut. Deshalb braucht es heute weniger reine Wissensvermittlung und mehr aktives Mitmachen und Erleben, damit Menschen emotional angesprochen und nachhaltig erreicht werden. Es ist wichtig, Menschen aktiv einzubinden, denn wer selbst etwas ausprobiert, entdeckt oder gestaltet, bleibt aufmerksam und interessiert. Gerade im Wald gelingt das wunderbar, weil die Natur selbst voller Möglichkeiten steckt. Dort darf man entdecken, spielen, bauen, kreativ sein und auch einmal dreckig werden.
In einer Zeit, in der viele Menschen entfremdet von der Natur aufwachsen – welche Chancen siehst du in der Naturpädagogik für die Gesellschaft?
Naturpädagogik schafft wieder Verbindung – zur Natur, aber auch zueinander. Viele Menschen wachsen heute sehr naturfern auf. Direkte Begegnungen im Wald können deshalb unglaublich wertvoll sein. Wer die Natur erlebt, entwickelt oft mehr Wertschätzung, Achtsamkeit und Verantwortungsgefühl. Genau darin liegt eine große Chance für unsere Gesellschaft.
Welche Rolle spielt die Empfindungsfähigkeit und Eigenständigkeit der Tiere in deiner Arbeit?
Eine sehr große. Wildtiere sind eigenständige Lebewesen mit ihren Bedürfnissen, ihrem Verhalten und ihrem Lebensraum. Genau dieses Verständnis möchte ich vermitteln. Wer Tiere wirklich beobachtet und ihre Lebensweise kennenlernt, entwickelt automatisch mehr Respekt und Sensibilität im Umgang mit ihnen.

Siehst du in der Naturpädagogik auch eine Möglichkeit, über Ethik und Verantwortung ins Gespräch zu kommen?
Unbedingt. Der Wald eignet sich hervorragend, um über Verantwortung, Rücksichtnahme und unser eigenes Handeln nachzudenken. Dabei ist Authentizität besonders wichtig. Menschen spüren schnell, ob jemand wirklich für das Thema brennt. Naturpädagogik kann helfen, Werte nicht nur theoretisch zu besprechen, sondern direkt erlebbar zu machen.
Welche Themen oder Projekte würdest du dir wünschen, damit Jagd- und Naturpädagogik künftig noch stärker wirken können?
Ich wünsche mir noch mehr direkte Naturerfahrungen für Kinder und Jugendliche – möglichst regelmäßig und nicht nur punktuell. Wichtig wären außerdem stärkere Kooperationen zwischen Schulen, Pädagoginnen, Jägern und Naturvermittlern. Ein schönes Beispie
l aus der Praxis ist der jährlich stattfindende „Tag des Wildes“ in Innsbruck, bei dem Kinder und Erwachsene Natur und Wildtiere mitten in der Stadt spielerisch und mit allen Sinnen erleben können.
Wenn du den Jägerinnen und Jägern eine Botschaft mitgeben könntest, was wäre dein zentraler Gedanke?
Raus aus dem Haus – rein in die Natur. Zeigen wir Kindern und Erwachsenen wieder die Schönheit und Vielfalt unserer Umwelt. Zeit, die man in der Natur verbringt, ist niemals vergeudete Zeit! Wer Menschen begeistert und Wissen verständlich weitergibt, leistet einen wichtigen Beitrag für die Zukunft von Wald und Wild. Denn nur, was man kennt und erlebt, lernt man auch zu schätzen.
„Erzähle mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass mich tun und ich verstehe!“(Konfuzius)
Fotos: Birgit Kluibenschädl
Birgit Kluibenschädl- Wald- und Jagdpädagogin
Birgit Kluibenschädl ist Tiroler Wald- und Jagdpädagogin sowie Geschäftsführerin des Vereins Tiroler Familiennester. Seit vielen Jahren widmet sie sich mit großer Leidenschaft der Naturpädagogik, Umweltbildung und der Entwicklung von Erlebnisprogrammen für Kinder und Familien. Mit ihrem Kreativbüro „Efeuhof“ organisiert sie wald- und jagdpädagogische Führungen, Seminare, Workshops sowie vielfältige Naturerlebnisprogramme, die Menschen jeden Alters einen spielerischen und bewussten Zugang zur Natur ermöglichen.
Darüber hinaus ist Birgit Kluibenschädl Autorin zahlreicher naturpädagogischer Publikationen und Erlebnishefte. Dazu zählen unter anderem die Büchlein Waldbüchlein, Wildtiere unserer Heimat, Rucksackspiele, Spielend unterwegs und Hinaus in die Natur, in denen Naturwissen mit Bewegung, Kreativität und spielerischem Lernen im Freien verbunden wird. Zudem ist sie Chefredakteurin der Kinderzeitung Kinder auf der Pirsch des Tiroler Jägerverbands.
Quelle Portraitbild von Birgit: Die Fotografen







