Würde kennt keine Artengrenze .
Text: Ing. DI Lukas Wojtosiszyn (Akad. Jagdwirt XVI)
Ein vielstimmiger Diskurs um Wald und Wild
Die Debatten, die wir rund um Jagddruck, Verbiss, Waldumbau, Naturnutzung und Rotwildmanagement führen, sind keineswegs neu – doch sind sie intensiver, härter und vor allem vielstimmiger geworden. Längst beschränkt sich der Diskurs nicht mehr auf Jäger, Förster und Landwirte. Heute mischen sich professionelle Natur- und Tierschutzorganisationen, Vertreter des Tourismus, sportlich Aktive, Naherholungssuchende und engagierte Naturliebhaber in die Diskussion ein. Hinzu kommt die vereinfachte, erweiterte und anonyme Möglichkeit über den digitalen Raum von sozialen Medien zu diskutieren, was ebenso zu einer Verschärfung des Diskurses führt.
Viele Ansprüche an denselben Wald
Dabei muss derselbe Quadratmeter Wald alles zugleich sein – Ressourcenlieferant, Klimaretter, Energiequelle, Kulisse für Tourismus und Erholung und Lebensraum. Er soll Holz produzieren und Kohlenstoff binden, ökologische Funktionen erfüllen, seine Schutzfunktionen wahrnehmen können und zugleich Rückzugsgebiet für Wildtiere und bedrohte Arten sein. Und ganz nebenbei: ein attraktives Jagdrevier mit sichtbarem Wildbestand. Die Liste der Ansprüche ließe sich nahezu endlos fortführen – und je nach Perspektive verschieben sich die Prioritäten.
Was mich täglich beschäftigt, ist neben der absolut faszinierenden Komplexität der ökologischen Zusammenhänge, die Art des zwischenmenschlichen Umgangs, mit der diese Zielkonflikte verhandelt werden.
Zwischen Fronten und Vorurteilen
Ich beobachte teilweise, wie sich Fronten verhärten. Im Tierschutz aktive Personen werfen Jägern pauschal Tierquälerei und moralische Verrohung vor. Einzelne Forstleute propagieren die drastische Reduktion von Wildbeständen als einziges Mittel zur Waldrettung – und bezeichnen Weidmänner und Weidfrauen in polemischer Zuspitzung als „trophäengeile Krickerlspitzer“. Gleichzeitig treten manche Jagdfunktionäre auf, als gelte es, einem forstlichen Feindbild militärisch entgegenzutreten – und erklären Forstleuten und Grundbesitzern offiziell den Krieg. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage erscheint mir gerade diese Wortwahl nicht nur deplatziert, sondern auch zutiefst bedenklich.
Das Gegenteil der Klischees – Verantwortung und Weitblick
Das Gegenteil der gängigen Klischees ist meiner Wahrnehmung nach die Regel.
In meinem beruflichen Alltag erlebe ich die überwiegende Mehrheit der Jägerschaft als engagiert, dialogbereit und kompromissfähig.
Mit erheblichem persönlichem Einsatz – sowohl in zeitlicher als auch finanzieller Hinsicht – übernehmen diese Menschen Verantwortung für den jagdlichen Teil funktionierender Ökosysteme. Sie leben eine Praxis, die weit über reines Erlegen hinausgeht. Gleichzeitig bewirtschaften Forstleute das ihnen anvertraute Gut – den Wald – mit Weitblick und Sorgfalt. Ihre Arbeit orientiert sich an Planungshorizonten, die in Jahrzehnten und Jahrhunderten, nicht in Quartalen gedacht werden. Sie schützen, pflegen und entwickeln ein Ökosystem, dessen volle Erträge erst kommenden Generationen zugutekommen werden.
Verständnis durch Information und Dialog
Die Mehrheit der Menschen, die den Wald nutzen – sei es zur Erholung, zum Sport oder zur Naturbeobachtung – bringt durchaus Verständnis für die Belange von Jagd und Forstwirtschaft mit. Dort, wo informiert wird, wächst Einsicht. Wer weiß, warum bestimmte Wege gesperrt sind, begreift auch, weshalb forstliche oder jagdliche Sperrgebiete nicht betreten werden sollten.
Probleme entstehen meist nicht aus böser Absicht, sondern aus Unwissen oder Gleichgültigkeit – und manchmal schlicht durch die schiere Masse der Besucher.
In jeder Interessensgruppe finden wir einige wenige Vertreter, die sich rücksichtslos gegenüber dem Wald, den Wildtieren und Ihren Mitmenschen verhalten – und sie hinterlassen trotz ihrer geringen Zahl Spuren.
Respekt als Grundlage für Kompromisse
Die Diskussionen um die Zielkonflikte sind zu führen. Räume von Konsens und Kompromiss müssen gefunden werden, um tragfähige, praxistaugliche Lösungen zu finden. Das ist mühsam, langwierig und anstrengend. Aber es ist notwendig.
Diese Konflikte müssen unter der Wahrung der eigenen Würde und einem ausreichenden Maß an Respekt dem anderen gegenüber getragen sein. Das muss der Mindestanspruch sein.
Wer für sich einen gesellschaftlichen Auftrag ableitet, sollte sich auch nach bestem Wissen und Gewissen darum bemühen, in einer gesellschaftlich zuträglichen Art und Weise zu handeln.
Es ist absolut nichts daran auszusetzen, seine Positionen beherzt und mit Engagement zu vertreten. Doch wo Engagement in Polemik umschlägt, wo das Gegenüber zum Feindbild wird, da wird eine Grenze überschritten – eine moralische und eine gesellschaftliche. Solche verbalen Aufrüstungen mögen kurzfristig Zustimmung erzeugen, doch langfristig richten sie Schaden an. Denn sie werden ausgetragen auf dem Rücken der Wildtiere und des gesamten Waldökosystems.
Verrohung ist keine Lösung
Wenn jemand für sich in Anspruch nimmt, für Tiere zu sprechen, der sollte auch Menschen nicht herabwürdigen. Wer den Wald schützen will, darf den sozialen Raum nicht vergiften. Wer seinen Sport fördern möchte, der möge als ernstzunehmender Vertreter voran gehen. Wenn wir also richtigerweise fordern, dass der Mensch dem Tier und dem Ökosystem mit Achtung begegnen soll, dann muss diese Achtung auch in der Sprache und im Umgang unter Menschen spürbar bleiben. Die Würde kennt keine Artengrenze und es gibt keine Rechtfertigung für Verrohung im Namen des scheinbar Richtigen.
Und eines gilt im echten wie im metaphorischen Krieg: Am Ende gibt es fast nur Verlierer.
Ing. DI Lukas Wojtosiszyn – Akad. Jagdwirt XVI
Lukas Wojtosiszyn ist Forstwirt und Teilnehmer des Universitätslehrgangs JAGDWIRT/IN XVI an der BOKU Wien. Im Dezember 2025 wird er den berufsbegleitenden Lehrgang abschließen. Seine Abschlussarbeit trägt den Titel „Modellierung der Äsungsqualität für Rotwild anhand des NDVI in den Brandenberger Alpen – Eine Analyse der räumlich-zeitlichen Verteilung von Äsung“.






